Über eine als sportlichen Törn ausgeschriebene Flottille rund Mallorca im April 1995 berichtet Melanie Weser aus der erfrischenden Sicht eines absoluten Segelanfängers.
TOTAL AHNUNGSLOS ...
... bin ich, als wir uns für diesen Segeltörn in Mallorca anmelden. Mit ein paar Leuten gemütlich um diese als Rentner- und Putzfrauen-Naherholungsziel verrufene Insel zu segeln, kann ja nicht weiter stressig sein. Auch wenn da irgendwo etwas von wegen "sportlicher Törn" steht - wahrscheinlich bedeutet das nur, dass es nicht viel Zeit für‘s Schminken oder besonders feine Bordessen geben wird. Auch mein maritimer Freund Ralf meint, dass wir das locker abkönnen. Da ich bereits diverse Fährfährten in Europa und sogar einen Tag auf einem Fischerboot ohne nennenswerte Übelkeit überstanden habe, bin ich der felsenfesten Ansicht, absolut seefest zu sein. Irgendwann stellt sich heraus, dass ich die einzige Frau unter fünf Männern an Bord sein werde, aber das schreckt mich nicht ab, und ich sehe die Konstellation als gewisse Herausforderung an. Außerdem besitze ich keinerlei Segelerfahrung, wenn man von einem zweistündigen Mitschippern auf einer Bodenseejolle vor etwa 17 Jahren absieht. Die zugehörigen Frauen der mitsegelnden Männer sind wohl alle bewanderter mit der Materie als ich. Aber so richtig Gedanken mache ich mir nicht über deren Zurückhaltung.
Die Vorbereitung
Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir hingegen las Thema "Was um Himmels Willen soll ich mitnehmen?", denn seit einem Rucksackurlaub bin ich eher ein Pack-Minimalist. Ich habe nicht sehr viel zur Auswahl, und wichtige Dinge wie Gummistiefel und Badeschuhe (Wie ich heute weiß, im Real Club Nautico in Palma absolut empfehlenswert) besitze ich immer noch nicht. Trotz intensiver Stiche finden wir keine passenden. Beides wird kurzerhand durch meine Tauchfüßlinge ersetzt. Bin ich eigentlich die einzige Person, die Probleme mit überbreiten Schuhen hat?
Mareile, Guidos Frau, die keinen Urlaub bekommt, leiht mir freundlicherweise ihren Segelanzug. Ich hoffe, dass uns das Wetter keinen Anlass; geben wird, dass ich dieses Kleidungsstück in der kommenden Woche tragen muss;. Auch aus optischen Gründen. Nicht, dass der Segelanzug alt und unansehnlich wäre, aber ich sehe darin aus wie eine Mischung zwischen Tomate und Gummiball. Um Ralfs wohlwollende Freunde nicht zu verärgern, kommt das gute Stück auch in den von meinem Freund organisierten, in modisch-dezent schlammgrün gehaltenen Bundeswehr-Seesack. Trotzdem habe ich nicht die Absicht, das Ding anzuziehen. Mittlerweile ist dieser Seesack mit unattraktiven Dingen wie einem Jogginganzug, dicken Socken, zwei Paar DM 5,- Turnschuhen, Schlafsack, Handtüchern, ein paar unansehnlichen, aber warmen Pullis und T-Shirts schon richtig gut gefüllt.
Ralf bekommt auch noch einen Segelanzug von Guido ab, der sich kurz vorher einen neuen gekauft hatte. An Männern sieht der Kram ja noch irgendwie recht zünftig aus, aber ich komme mir darin ziemlich verloren vor. Jedenfalls haben wir uns vor der Abreise auch in Sport- und Segelgeschäften nach wasserfester Bekleidung umgesehen. Bei den Preisen kam nur unwillkürlich der Gedanke an Designerkostüme, die ich für unwesentlich mehr Geld bekommen hätte. Daher blieb es beim Anschauen, und wir beide sind für die Leihgabe von Mareile und Guido recht dankbar.
Die Anreise
Nach einem gemütlichen Mittagessen bringt uns Mareile zum Flughafen, wo schon unser Skipper Egbert auf uns wartet. Nach und nach trudeln Emil und Dieter ein, und unsere Crew ist vollständig. Wir wandern zum Eincheckschalter, wo wir dank meiner Initiative sogar die ersten der bald daraufhin längeren Warteschlange sind. Aufgrund fehlender Organisation unserer Fluglinie wird dann allerdings der Schalter geändert, so dass wir uns innerhalb kürzester Zeit im hinteren Drittel der Schlange befinden. Ich hole das erste Auslaufbier, um die Zeit zu überbrücken. Nur unser Schwabe Emil und unser Skipper, der wahrscheinlich erste Probleme mit der Reise oder der Crew voraussieht, wollen keines. Da das einzig ordentliche Bier aus halbliter Dosen Tuborg besteht, bin ich an Bord des Flugzeuges in recht guter Stimmung. Dass einige Passagiere kleinere Wartungsarbeiten, wie das Befestigen von Lichtleisten am Boden während des Fluges durchführen, ändert nichts daran. Irgendwie müssen ja die günstigen Charterflüge auch finanziert werden.
In Palma fahren wir mit zwei Taxen zum Yachthafen, wo sich auch noch jemand findet, der uns unser fast komplettes Boot zeigt. Unwesentliche Kleinigkeiten, wie der Anker mitsamt seiner Winsch fehlen noch, sollen aber am gleichen Abend eingebaut werden. Um auf keinen Fall bei diesen Arbeiten zu stören, lagern wir deshalb schnell die Seesäcke und das Kleingepäck im Boot ein und gehen zum Essen in eine kleines Hafenrestaurant. Nach etwas Fisch, etwas mehr Knoblauch und viel mehr Vino Tinto benutze ich noch schnell die Toilette, damit ich eine Klorolle organisieren kann. In dem allgemeinen Hafenklo gibt es nämlich außer einigen beachtlichen Spinnen nichts Greifbares. Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich natürlich "Laufendes Gut“ sagen. Guido erklärt mir ein paar Begriffe auf einem Segelboot. Jetzt weiß ich endlich, was Wanten, Fock, Baum, Mast, Masttopp, Großsegel, Saling Steuer- und Backbord sind. Ob ich mir das alles merken kann, ist eine andere Frage. Ganz schön eigenwillig, dieser Skipperslang.
Die erste Macht auf der Nussschale
Auf dem Boot lassen wir in der ersten Nacht die Decksluke offen, denn man hört ja viel von nagelneuen Schiffen, die direkt nach dem Zuwasserlassen im Hafen abgesoffen sind. Ich habe am Morgen Ohrenschmerzen und Kopfweh. Letzteres resultiert wahrscheinlich aus der Mischung von Vino Tinto und, dem eigenwilligen Geruch von Essigsäure, Schwefelwasserstoff und Domestos, den das brandneue Boot noch verbreitet. Ich gehe mit meinen Tauchfüßlingen duschen, die im Einsatz in der Duschkabine jedoch nicht sehr praktisch sind, weil das Wasser darin nicht ablaufen kann. Naja, ein Fußbad hat noch keinem geschadet. Ist mir auf jeden Fall lieber, als barfuß in dieser Dusche zu stehen. Beim Versuch, Wasser für den Morgenkaffee zu kochen, stellen wir fest, dass das Gas noch nicht angeschlossen ist. Also ziehen Dieter, Emil, Guido und ich ohne großes Frühstück zum Einkaufen los.
Ein Bus sollte uns abholen, aber wir wollen nicht länger warten. Guido darf endlich mal seine Spanischkenntnisse beweisen und nach dem nächstgelegenen Supermercado fragen. Nachdem Guido einige Minuten in gebrochenem Spanisch auf einen interessiert dreinblickenden Passanten einredet, fragt dieser „Do you speak English?“ und antwortet dann akzentfrei „I don't know". Die zweite Versuchskandidatin kennt sich besser aus und sagt in bestem Bayerisch "Da auffi und dann die erschte links eini.“. Soviel zu der Landessprache auf Mallorca.
Mit etlichen Tüten und Kartons kehren wir zum Boot zurück. Egbert und Ralf sind noch immer bei der Übernahme. Glücklicherweise nehmen beide ihren Job sehr ernst, so dass unser Boot richtig seetüchtig wird. Außerdem gibt es mittlerweile Frühstück und Kaffee, der allerdings grausig schmeckt. Das kommt von den Chemikalien im jungfräulichen Wassertank. Nach einem letzten Austauschen der Rettungswesten sind wir endlich bereit zum Auslaufen. Egbert erklärt uns noch das Allernotwendigste: Wo die Rettungswesten verstaut sind, wo die Karten liegen, wie man den Gasanschluss auf- und zudrehen kann, und dass auf jeden Fall während der Fahrt nach jedem Gebrauch die Wasserzufuhr und die Abflüsse wieder abzusperren sind: "Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Schiff über das Klo abgesoffen ist!" Ich höre so aufmerksam wie mir möglich zu. Ich habe auf keinen Fall vor, mich dumm anzustellen und Sprüche wie "Typisch Frau!" anhören zu müssen. Trotzdem schwirrt mir der Kopf, als wir mittags die Leinen losmachen.
Wir laufen aus
Helfen kann ich kaum. Ich höre zwar immer wieder was von Fender, Back- und Steuerbord, kann das aber nicht so richtig zuordnen. Deswegen übe ich mich im Moment lieber in vornehmer Zurückhaltung. Die Jungs sind alle so eifrig dabei, da lasse ich sie jetzt gerne arbeiten. Meist ändert sich so ein Verhalten ziemlich schnell. Kaum haben wir den Hafen verlassen, gibt es ein Auslaufbier. Ich bin nicht richtig in Bierlaune, aber fest entschlossen, nicht hinter den Jungs zurückzustehen. Also trinke ich ganz cool mit und hoffe, dass ich den Alkohol vertrage. Dann werden die Segel gesetzt. Ich sitze ganz hinten im Boot und versuche, nicht im Weg zu sein. Jedenfalls hat ein Segelboot jede Menge unterschiedlicher Tampen, die sicherlich alle einen bestimmten Sinn haben. Vielleicht weiß ich am Ende der Woche, welchen. In meinen Ohren zieht es, und ich torkele in die Kabine, um mein Skistirnband zu holen. Die Schräglage des Bootes und der entsetzliche Geruch tragen nicht gerade zur Verbesserung meines Zustandes bei. Froh, wieder den Weg zurück an Deck geschafft zu haben, hangele ich mich unter ständigem Festhalten zu meinem Platz. Selbst als ich sitze, halte ich mich noch fest, was mir ein paar Lacher einbringt. Alle anderen sind so vergnügt wie auf einem Rummelplatz. Nur, dass man da nach ein paar Minuten wieder aussteigen kann. Erste Zweifel tauchen in mir auf, ob dieser Segeltörn wirklich so eine gute Idee war. Ralf sieht richtig glücklich aus.
Naja, das ist ja erst der erste Tag, und man soll keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Bier trinke ich jedenfalls keines mehr. Irgendwann geht Guido auf Toilette. Etwas später geht die Tür auf und er, bittet um eine Wende. Die Wasserspülung scheint nur in der richtigen Schiffslage zu funktionieren. Egbert ordnet das Manöver an, und kurz darauf erscheint Guido wieder an Deck. Schweißgebadet, was zum erneuten Lachern führt. Auch er scheint mit dem Geruch an Bord nicht klarzukommen. Ist jedenfalls eine gute Ausrede, wenn's einem unter Deck mulmig wird. Seekrank ist auf diesem Boot garantiert keiner. Als ich die Toilette benutze, bin ich so klug, auf die richtige Lage des Bootes zu achten. Dennoch ist es recht mühsam, und anschließend bin ich froh, diesen Gang hinter mir zu haben. Trotz des schönen Wetters wird nur immer kälter, und ich muss erneut in unsere Kabine, um mir Socken anzuziehen. Diesmal muss ich länger unten bleiben, was mein Magen nicht sehr lustig findet. Trotzdem schaffe ich es, und komme nur leicht grün wieder zurück.
Minuten oder Stunden später - die Zeit zieht sich irgendwie ziemlich lang hin - wollen alle was essen. Guido fragt mich, ob ich ihm helfe, Brote zu machen. Ich fasse das als Triezen eines Anfängers auf und will keine Blöße zeigen. Irgendwie werde ich das auch noch schaffen. Der Sinn steht mir zwar nach allem anderen als Essen, aber ich werde mich nicht blamieren. Ganz cool gehe ich mit Guido nach unten und fange an, im Kühlschrank herumzukramen. Die Butter, die ich dann auf die Baguettestücke streiche, sieht ziemlich eigenwillig geformt aus. Das liegt natürlich nur an dieser Schräglage und nicht an meinem Bedürfnis, hier unten endlich fertig zu werden. Guido belegt die Brote, und sagt auf einmal "Ich bring' das schon mal rauf, räumst Du hier unten noch auf?" Ich hasse ihn, aber ich schmeiße den ganzen Kram irgendwie in den Kühlschrank. Ordentlich bleibt sowieso nichts auf diesem Kahn. Endlich komme ich an Deck. Als die Jungs feststellen, dass es ein Brot zu wenig gibt, und mich fragen, ob ich noch eins mache, ist es mit meiner Coolheit vorbei: "Nee, aber ich gebe gerne jemandem die Hälfte von meinem ab." Kälte und mein äußerst flauer Magen lassen mich zusammengekauert in einer Ecke sitzen. Ich hoffe, dass wir bald an irgendeinem Hafen ankommen. Ich friere lieber. als dass ich noch mal unter Deck gehe. Jedenfalls nicht während der Fahrt. Endlich hören sie mit dem Herumsegeln auf und machen den Motor an. 30 Seemeilen haben wir an diesem Tag geschafft, als wir in Andraitx festmachen. Ich kann es gar nicht erwarten, an Land zu kommen.
Endlich festen Boden unter den Füßen
Meine Ohren schmerzen. Ralf und ich gehen zu einer Apotheke, um Tropfen zu kaufen. Auf dem Rückweg kommen wir an einem Supermarkt vorbei und nehmen noch Kamillentee mit, das Einzige, wonach mir im Moment wirklich ist. Darin mache ich mich auf den Weg zu den Duschen, die eine erfreuliche Überraschung darstellen. Mit meiner schwarzen übergroßen Jogginghose, dem alten Fleecepulli und meinen Tauchfüßlingen gebe ich sicherlich ein tolles Bild ab. Mir ist im Moment alles egal. Hauptsache, ich komme zu einer warmen Dusche und nichts unter mir wackelt. Als ich zurückkomme, ist das Boot gewaschen und Dieter kocht einen Eintopf. Ich fühle mich wie ein Drückeberger. Andererseits bin ich unterkühlt und durch meine Ohren etwas angeschlagen. Das nächste Mal helfe ich mit, nehme ich mir vor. Ralf verarztet meine Ohren mit den spanischen Tropfen. Dann essen wir. Viel Hunger habe ich nicht, aber ich brauche auch nicht viel zum Überleben.
Zwei Seglerinnen der Flottille haben morgen Geburtstag. Beide sind auf dem Frauenboot, das alle Hühnerboot nennen. Bernd, der Flottillenführer ist auch auf diesem Boot, aber zu sagen hat er dort wohl nicht viel, da seine Tochter Heike der Skipper ist. Wir bleiben bis 12 Uhr nachts auf und stoßen kurz mit ihnen an. Nach großem Feiern ist mir nicht. Ralf versucht, mir Mut zu machen: "Morgen gibt es sicherlich besseren, achterlichen Wind. Die Fahrt verläuft dann ruhiger und vor allem wärmer. Es ist immer unruhiger und kälter, gegen den Wind zu kreuzen." Ich versuche, ihm zu glauben, Angeblich liebt er mich ja. Die Nacht verläuft unruhig. Ich kann mich nicht an das Gefühl gewöhnen, dass meine Füße höher als mein Kopf liegen. Trotz des durchdringenden Geruchs an Bord haben wir wegen meinen Ohren die Decksluke geschlossen, aber das kleine Luk auf Ralfs Seite bleibt offen. Am nächsten Tag ist das Frühstück schon fertig, als wir aus unserer Kajüte kommen. Ich bleibe bei Weißbrot mit Frischkäse, das ist relativ geschmacksneutral und leicht verdaulich. Bloß nichts Schweres essen, was ich später bereuen könnte. Ich helfe beim Abtrocknen und zerbreche prompt ein Glas, weil ich die Schranktür zu schwungvoll schließe.
Der Gewaltakt
Wir verlassen den Hafen und setzen kurz darauf die Segel. Leider scheint Ralfs Prognose doch nicht zu stimmen, denn der Wind kommt direkt von vorne. Heute war ich klüger und habe mich bereits im Hafen in den dicken Segelanzug von Mareile geworfen. Zusätzlich zu den dicken Leggings, die ich unter die Jeans angezogen habe. Mein Aussehen ist mir mittlerweile ziemlich egal. Heute will ich nicht wegen kalten Füßen unter Deck wandern müssen. Ralf scheint das ständige Schlingern des Bootes überhaupt nichts auszumachen. Jeden falls kocht er während der Fahrt Kaffee für uns. Als ich meinen Becher getrunken habe, wird mir mulmig. Da kann nur an dem Beigeschmack des Wassers aus dem Tank liegen. Die anderen sind der gleichen Meinung. Trotz Segelanzug und dicken Socken friere ich schon wieder entsetzlich, und seit dem Kaffe rebelliert mein Magen endgültig. Dieter schraubt seine Finger in die Winschen und blickt krampfhaft nach vorne. Emil schaut mich fragend an. Ich sage ihm, dass ich heute wohl ziemlich sicher die Fische füttern werde. Mein Kampfgeist schwindet dahin. Warum bin ich nur mit auf dieses Boot gekommen? Warum habe ich Ralf nicht zu einer Woche Ponyurlaub in Irland überredet? Dann hätte er einen wunden Hintern, und mir wäre jetzt nicht so unbeschreiblich schlecht. Ich schmiede Rachepläne, was ich ihm alles antun werde, sobald es mir besser geht. Jemand sagt, ich soll auf den Horizont schauen, das würde Seekranken helfen. Einfach gesagt, aber den Horizont kann ich wegen der Schräglage hinter den Segeln nur ab und zu sehen. Da wird mir unser Schlingern nur noch mehr bewusst. Beim Versuch, da Land anzusehen, zieht's mir zu sehr in den Ohren und ich fühle mich auch nicht besser. Schließlich hänge ich irgendwie achtern und schaue nur noch das Kielwasser an. Seltsamerweise schlafe ich dabei ein. Ich erwache von heftigen Würgegeräuschen, die von Emil kommen. Anscheinend ist er noch schlimmer dran als ich. Für den Moment geht es mir wieder halbwegs gut. Mein Frühstück ist immerhin noch bei mir. Allerdings werde ich garantiert nichts mehr vor der Hafenankunft essen. Während meinem Schläfchen verlor Dieter, seine Mütze bei einer Wende, aber keiner, Dieter eingeschlossen, hatte Interesse, sie bei diesem Seegang wieder an Bord zu holen. Emil ist ihm sicherlich heute noch dankbar dafür.
Delfine tauchen in geringer Entfernung vom Boot auf. Das lenkt mich ein bisschen von der endlosen Fahrt ab. 50 Seemeilen sollen wir heute hinter uns bringen, und erst 30 haben wir geschafft. Emil muss bei jeder Wende zur anderen Seite spurten, damit alles in die See gelangt, und nicht ins Boot. Bei Windstärke 4 bis 5 schaukelt das Boot auch ordentlich. Immerhin gibt es jemand, dem es noch schlechter geht als mir. Ein bisschen Auftrieb gibt mir das schon. Der Wind hat nicht gedreht und wir kreuzen ohne Ende. Richtig vorankommen wir damit allerdings nicht. Deshalb hat Egbert ein Einsehen und läßt uns endlich unter Motor fahren. Aber auch das muss fast unter Vollgas geschehen, sonst laufen mir in Gefahr, abzutreiben. Ohne diese wilde Herumsegelei wärmt die Sonne jetzt richtig angenehm. Wahrscheinlich bekomme ich noch einen Sonnenbrand auf der Nase. Endlich erreichen wir das Cap, und die See wird merklich ruhiger. Die Sonne verschwindet allerdings auch völlig, und es wird kühl. Mein Drang steigt, endlich die Toilette aufzusuchen, aber ich wage mich nicht unter Deck. Dafür ist meine Übelkeit fast verschwunden, seit wir unter Motor laufen. Ich bekomme richtig Hunger und frage Egbert, ob ich heute abend kochen darf. Damit kann ich sicherstellen, dass es nur Dinge gibt, die ich wirklich mag. Egbert fragt mich, was ich kochen will. „Spaghetti mit Brokkoli-Käse-Sahne, nichts Schweres" antworte ich. "Ist gut", sagt Egbert. Ich bitte ihn, mich an Land vor dem Kochen schnell duschen zu lassen, denn ich friere schon wieder furchtbar. Der Segelanzug bringt doch nicht so viel, wie ich dachte. Worauf Guido uns stolz die Vorteile seiner Thermounterwäsche anpreist. Ralf wird von seiner Idee, den Anzug bereits jetzt abzulegen, abgebracht, aber darunter fühlt er sich feucht und kalt. Mir ist mir kalt. Als es noch warm war, bin ich nicht ins Schwitzen geraten.
Endlich im Hafen
Als wir endlich Pollensa erreichen, ist es schon dunkel. Ich verlasse mit Handtuch und Shampoo noch beim Einlaufmanöver das Boot, was einige Unkenrufe verursacht. Mir wurscht, habe ich mich doch ordentlich bei Egbert abgemeldet und werde nachher für alle kochen. In meiner Eile habe ich keine Füsslinge angezogen, aber glücklicherweise sind hier die Duschen auch barfuß erträglich. Einigermaßen aufgewärmt, beginne ich mit der Kocherei und Ralf hilft mit, obwohl ihm dadurch die Dusche vor dem Essen entgeht. Ob das an seinem schlechten Gewissen liegt, weil er mich zu dieser Segelei mitgenommen hat? Später ißt selbst Emil ein bisschen, was ich als Lob an meine sanfte Küche auffasse. Obwohl ich mich nun deutlich besser fühle als nur wenige Stunden vorher, überlege ich, ein Auto zu mieten und die Jungs abends in den Hafen zu treffen. "Das ist auch nicht so einfach, denn wir wissen nicht genau, ob wir den geplanten Hafen auch wirklich anlaufen können", sagt Ralf. Sein Gesicht spricht Bände. Wahrscheinlich hat er nicht mit einer so zimperlichen Freundin gerechnet. Allerdings scheint er auch nicht zu wissen, welche Gefühle bei einer Seekranken entstehen können. Sein Glück, dass es bereits so spät ist. Ich bin zu faul, um noch irgendwas zu organisieren. Als er wieder behauptet, dass es am nächsten Tag besseren Wind gibt, werde ich skeptisch: "Das habe ich bereits gestern abend gehört, glaubst Du das etwa selbst?" Er erwidert, dass ich wohl nicht die einzig Frustrierte in der Flottille wäre und es auch bei den anderen Teilnehmern einigen Unmut gäbe, die ganze Zeit gegen den Wind zu fahren. Ich lasse es darauf ankommen und gebe ihm und dem Segeln noch eine Chance. Eine Letzte. Wobei die Anderen wirklich nicht begeistert aussehen. Emil war ja heute auch schlimmer dran als ich.
Ein anderes Flottillenboot wird angeblich gegen drei Uhr nachts im Hafen erwartet. Vermutlich bin ich noch mit einer recht netten Crew beglückt, was solche endlosen Fahrten angeht. Jedenfalls scheint es auf unserem Boot keinen blindwütigen Ehrgeiz zu geben, was das Segeln anbelangt. Wenn wir eine Strecke nicht schaffen, dann wird halt der Motor angemacht. Basta. Ich bin froh, einen Skipper wie Egbert zu haben. In dieser Nacht schlafe ich tief und traumlos.
Das Bordleben auf diesem Törn; etwas überspitzt dargestellt. (Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.)
Die Überraschung: Segeln macht Spaß!
Nach einem kargen Frühstück, was nicht am Angebot, sondern an mir lag, verlassen wir Pollensa. Immerhin wird der Kaffee jetzt mit gekauftem Wasser gebrüht und schmeckt entsprechend besser. Nachdem die richtigen Segler an Bord ein paar Motormanöver ("Boouje üba Boaad aan Schdeuaaboaad") geübt haben, läßt mich Egbert ein Stück unter Motor ans Ruder. Dabei wird mir so warm, dass mir Ralf helfen muss, den Segelanzug wieder auszuziehen. Blöde Sprüche muss ich auch abkönnen, ob ich denn nun meinen Vor- oder Nachnamen in die See schreiben will. Aber diese Bemerkungen kriegt jeder zu hören, der am Ruder steht (außer Egbert, denn es wäre dumm, es sich mit dem Skipper zu verscherzen), und so mache ich mir nichts daraus. Ich bin stolz wie ein Schneekönig, dass mir Egbert das Boot anvertraut. Mir, als Bloody Beginner! Als wir die Segel setzen, ist die See ruhig und wir fahren einen angenehmen Halbwindkurs. Ich bin fest entschlossen, mich heute nicht unterkriegen zu lassen und esse während des Segelns so viel Weißbrot, wie ich verdrücken kann. Die Fahrt verläuft ausgesprochen angenehm, und ich begreife, warum Segeln auch Spaß machen kann. Zeitweise kann man sogar im T-Shirt dasitzen. Vielleicht werde ich ja sogar ein bisschen braun. Heute habe ich auch Zeit, die Manöver zu beobachten, und versuche herauszufinden, wann man an welchem Tampen ziehen muss. Am Nachmittag wollen die Jungs endlich den Blister setzen, eine Art Vorsegel. Nach einigem hin und her ist er dann auch endlich befestigt. Etwas schlampig sieht er aus, aber, um mit Guidos Worten zu sprechen, "desch g'hört so!". Meine Befürchtungen haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Wir schippern auch nicht unruhiger als vorher dahin. Statt Wenden fahren wir nun Halsen. Mir ist der Unterschied nicht so richtig bewußt. Außer Egbert, Ralf und Guido scheint es sowieso niemand so genau zu wissen. Aber selbst Egbert verwechselt es manchmal.
Porto Christo
Wir kommen in einem netten kleinen Hafen namens Porto Christo noch am frühen Abend an. Ich bringe nun schon wie ein richtiger Seemann die Fender an. Mit einem Webeleinensteg mit einem halben Schlag. Tja, gelernt ist gelernt. Auch auf dem schippenden Boot herumzuspringen macht mir kaum mehr was aus. Naja, zumindest nicht bei dieser Windstärke. Im Hafen habe ich allerdings keine Chance, irgendwas mitzuhelfen, denn Dieter, Emil, Guido und Ralf stürzen sich wie die Wilden auf die Schrubberbesen und ich kann gerade noch den Wasserhahn aufdrehen. Leider wird aus meiner Dusche nichts, denn kaum sind sie fertig, wollen alle sofort essen gehen. Wehe, es liegt daran, dass ich gestern abend gekocht habe! Wir umrunden den Hafen zu Fuß und kommen im vermutlich teuersten Restaurant des Dorfes an. Immerhin bietet es einen tollen Ausblick auf den Hafen und ein unbekanntes spanisches Phallussymbol. Egbert sagt, das wäre Monte Christo, aber das ist wahrscheinlich wieder Seemannsgarn. Wir beobachten die Einlaufmanöver der restlichen Flottillenboote. Als die übrigen Segler im Restaurant eintreffen, haben wir schon die Rechnung geordert. Auf einen Absacker landen wir noch in einer kleinen Hafenkneipe, die wir aber bald wieder verlassen. Gegen 23 Uhr beschließen Ralf und ich, uns bis Mitternacht hinzulegen, denn Alfred vom Nachbarboot hat Geburtstag und wir wollen mitfeiern. Fünf Minuten später kriechen wir in die Schlafsäcke, damit wir uns nicht erkälten. Guido soll uns wecken, was er aber nicht macht. Dafür sind wir am nächsten Morgen etwas ausgeschlafener. Wer konnte denn auch ahnen, dass das hier die reinste Geburtstagsflottille wird?
Die 9-10-11-Routine
Die morgendlichen Skipperbesprechungen kommen mir sehr entgegen, da der Tag dann etwas weniger hektisch beginnt. Weil der Wind in Mallorca spät beginnt, dafür aber früh aufhört, wird aus der 7-8-9-Routine ein gemütliches Auslaufen gegen 11 Uhr. Immer noch ohne viel Wind. Dafür ist es schön warm, denn seit gestern segeln wir nicht mehr gegen den Wind. Da mein schnell aus der Kombüse geholtes Stück Weißbrot einen etwas seltsamen Beigeschmack hat, bestreiche ich es mit Senf. Mir schmeckt es herrlich, aber alle anderen verziehen das Gesicht und fragen, ob ich schwanger wäre. Bei dem Appetit, den ich entwickele, könnte das durchaus möglich sein, aber das Weißbrot hilft mir hervorragend gegen flaue Gefühle im Bauch. Die übrigen Crewmitglieder scheinen bereits vorn Zusehen welche zu bekommen. Auch heute kann ich im T-Shirt rumsitzen. Ich darf sogar an den Winschen herumkurbeln. Mittlerweile klappt es recht gut. Wahrscheinlich haben sich fast alle an Bord gedacht, dass ich dazu keine Kraft habe. Tja, Jungs, da habt ihr mich wohl unterschätzt! Aber bei diesen Mengen Weißbrot muss man doch Kraft kriegen! Alle vertragen das Segeln, und selbst Guido und mir macht der Gang unter Deck nichts mehr aus. Der schreckliche Geruch der Reinigungs- und Desinfektionsmittel ist fast verflogen, und das Boot liegt anmutig und ruhig wie eine Feder auf dem Meer. Nichts aufregendes passiert und Guido experimentiert mit dem GPS: Nachdem er eine Zeitlang an dem Navtisch über irgendwelchen Karten und anderen Dingen brütet, stürzt er auf einmal ungläubig an Deck. Lachend sagt er, dass laut GPS die Küste keine 150 m entfernt sei, da passieren wir gerade einen Küstenzipfel. GPS ist also wirklich verläßlich. Etwas später treffen wir überraschend auf vier Fußbälle in einem Netz, die wahrscheinlich ein Frachter verloren hat. Obwohl sonst immer das Boje-über-Bord-Manöver bestens geklappt hatte, kriegen die Jungs es diesmal nicht fertig, sie im ersten Anlauf mit dem Bootshaken an Bord zu holen. Da wir unter Blister fahren, hat keiner von ihnen Lust auf mehrere Halsen. Deshalb werden die Fußbälle nicht gerettet.
Guido geht schwimmen
Am Spätnachmittag, kurz vor unserem Zielhafen, rutscht ein Tampen des Blisters unter dem Boot in die Motorschraube. Natürlich wickelt er sich gleich dreimal um die Schraube. Lange Gesichter. Guido, der den ganzen Tag schon die Wassertemperatur kontrollierte - es waren konstant 17 Grad - erklärt sich aber sofort bereit, ins kalte Naß zu springen und den Tampen freizulegen. Wir ankern. Dieses Manöver sollte ja ohnehin geübt werden. Guido holt sein Duschgel, weil er nach seinem Tauchgang die Außenborddusche testen will. Kaum hat er seine Mission erfolgreich beendet seift er sich tatsächlich außenbords auf dem Duschvorsprung ein. Manche Leute schrecken vor nichts zurück. Als wir wieder weiterfahren, werden die Tampen des Blisters nun genauer beobachtet, damit nicht noch eine Rettungsaktion nötig wird. Doch, segeln ist wirklich lustig. Als wir in La Rapita einlaufen, sind meine Fender alle schon befestigt, diesmal mit einem Webeleinensteg auf Slip. Egbert findet diese Befestigung ausreichend. Was meinen Freund nicht hindert, sie alle wieder auf normal plus einem halben Schlag zu setzen. Beleidigt sage ich, dass Egbert der Ansicht ist, dass meine Befestigung ausreicht. Ralf besänftigt mich mit der Antwort, dass er die Knoten nur zwecks Diebstahlschutz der Fender geändert hat.
Guido schwebt über den Dingen
Im Hafen wird ein Freiwilliger für den Bootsmannsstuhl gesucht. Da ich mit Abstand das leichteste Crewmitglied bin, fällt die Wahl zuerst auf mich. Todesmutig erkläre ich mich einverstanden, obwohl ich alles andere als schwindelfrei bin. Aber hier würde ich niemals zugeben, Angst zu haben. Ich nicht. Nicht vor diesen ganzen Jungs. Ich habe unverschämtes Glück, denn Guido will rauf, um auch gleich noch ein paar Bilder vom Hafen zu machen. Und ihm müssen die Jungs auch nicht erklären, was er da oben machen soll. Guido wird in dem Bootsmannsstuhl hochgezogen. Die Beachtung aller anderen Segler ist ihm sicher. Guido sieht furchtbar mutig aus. Dankbar dafür, dass er mich aus dieser Situation gerettet hat, fotografiere ich ihn von unten.
Wir haben ein knallrotes Gummiboot
Nach Guidos Höhenflug ist es immer noch schön warm. Dieter pumpt unser kleines Dingi auf. Wir wollen noch ein bisschen an den Strand. Als ich einsteige, ist das Böötchen schon mit allen außer Egbert besetzt. Als ich drin sitze, weiß ich, warum er fehlt. Jedenfalls hätte dieses knallrote Gummiboot sein Gewicht nicht mehr vertragen. Unter lautem Gejohle rudern wir zum Strand um die Ecke und kommen mehr naß als trocken an. Da ich nun die Wassertemperatur gut einschätzen kann, verzichte ich darauf, auch noch vollends baden zu gehen. Die Jungs finden es toll. Als wir zurückrudern, verzichten Dieter und Emil aufs Mitfahren und laufen zurück. Ich finde ihre Idee nicht schlecht, denn nun werde ich nicht mehr ganz so naß. Damit wir schneller zum Segelboot kommen, rudere ich das letzte Stück, was einige Aufmerksamkeit auf den anderen Booten hervorruft.
Ich will an Bord duschen. Laut Guido, der gerade geduscht hat, soll das Wasser schön warm sein. Das trifft auch zu, aber leider nur für die erste Minute. Eingeseift und klatschnaß drehe ich das Wasser wieder an. Kalt. Es wird immer kälter. Ich schimpfe lautstark. Als ich notdürftig die Seife von mir gespült habe, sehe ich zu, dass ich die Naßzelle verlasse. Ralf duscht nach mir, aber er kommt mit der Temperatur gut klar. Wahrscheinlich sind Männer doch artverwandt mit Reptilien.
Bekanntlich wärmt Alkohol von innen, deshalb schließe ich mich der allgemeinen Biertrinkerei an. Daher bin ich ziemlich angeschlagen, als wir zum drei Kilometer entfernten Restaurant marschieren. Leider läßt sich das auch nicht durch den Schluckauf kaschieren, den ich mir prompt eingehandelt habe. Peinlich, aber jetzt kann ich es auch nicht mehr ändern. Immerhin kann man daraus auch den Schluß ziehen, dass ich nicht viel trinke, wenn ich schon das bisschen Bier nicht vertrage. Ralf und ich essen eine Riesenpaella, bei der aber fast die Hälfte übrig bleibt. Guido schlägt sich besser, aber auch er schafft seine Portion nicht.
Als wir gemütlich Richtung Calla Portals auslaufen, bin ich absolut guter Dinge. Auch heute ist der Himmel gnadenlos blau und wir haben gerade genug achterlichen Wind, dass wir ein bisschen segeln können. Dafür üben wir heute Nachmittag segelnderweise das beliebte Boje- über-Bord-Manöver. Dieter verliert wieder seine Mütze bei einem Manöver, aber diesmal bekommen wir sie beim ersten Versuch wieder an Bord. Egbert ruft sogar mich bei diesem Manöver ans Steuer. Ich hatte mich ja vorher an den Winschen recht kompetent gefühlt, aber sobald ich hinter dem Ruder stehe, komme ich mir hilflos vor. Nicht, dass es mich stört, dass alle nach meiner Pfeife tanzen müssen. Mit diesem Punkt kann ich mich gut anfreunden. So ungefähr weiß ich ja, wie das Boot fahren soll. Aber diese Segelsprache! Was sagten gerade die Jungs, die alle vor mir dran waren? Hätte ich doch besser aufgepaßt! Naja, ich versuche, das Beste daraus zu machen und schnappe mir Ralf. Er soll mir die Kommandos zuflüstern. Ohne Widerrede und Murren erklärt er sich dazu bereit. Peinlich ist es nur, als wirklich eine Boje über Bord geworfen wird. Das Kommando "Klarmachen zur Wende" fällt mir noch ein. Dann schaue ich Ralf hilflos an und er flüstert: "Sag jetzt ganz, laut REE und das Ruder 'rum". Also rufe ich "REE und das Ruder 'rum". Obwohl alle jetzt schwer arbeiten sollten, finden sie genügend Zeit, mich schief anzugrinsen. Dass ich Blödsinn verzapfte, war mir direkt nach meinem spontanen Kommando klar. Zu spät. Meine erste Wende ging in die Hose. Dumme Sprüche gibt es natürlich genug, und mancher findet spätestens jetzt eine wunderbare Gelegenheit, meine frotzelnden Bemerkungen auf der bisherigen Fahrt auszugleichen.
Ich werde ein Held
Dann soll Guido ans Ruder. Ich nehme mir die Steuerbordschot vor, und Ralf wuselt auch irgendwie auf meiner Seite herum. Dann geht wieder eine Boje über Bord, und ich fixiere meine Schot nach der Wende. Ralf sagt, das kann ich jetzt nicht wie bei einer ordentlichen Wende machen, da die Schoten bei Bedarf sofort losgeworfen werden müssen. Sofort will ich den eingeklemmten Tampen befreien, was einen derartigen Druck freisetzt, dass mein Ringfinger zwischen Schot und Winsch gerät. Das einzige, was ich im Moment sagen kann, ist nur noch "Sch...“. Trotz Segel- oder besser Fahrradhandschuhen hat es meinen Ringfinger erwischt. Er schwillt ziemlich schnell an, und ich kann ihn deutlich fühlen. Ralf schaut mich betroffen an, denn egal was er nun sagen würde, es wäre das Falsche. Etwas schroff sage ich, "Du kommst hier oben wohl auch alleine klar!", dann verschwinde ich nach unten. In meiner Panik kriege ich natürlich das Wasser nicht an. Deswegen kühle ich den Finger an einer Bierdose. Kein Mensch kommt herunter und erkundigt sich nach mir. Sie fahren ihre Manöver weiter, als ob sie keinen Verletzten an Bord hätten. Darüber werde ich so sauer, dass ich den Geruch unter Deck vergesse. Zumindest wird mir jetzt nicht schlecht.
Im Hafen von Puerto Portals
Erst hier wird allen außer Egbert klar, dass ich meinen Finger gequetscht habe. Als wir festmachen, will Emil, dass ich ihm beim Vertäuen und Planke legen helfe. Ziemlich trotzig sage ich, dass ich mit nur einer Hand kaum arbeiten kann. Egbert meldet gerade das Boot im Hafen an. Trotz Finger denke ich an das Warmwasser, das noch für ungefähr eine Stunde nach Hafenankunft verfügbar ist. Diesmal habe ich Glück und kann in aller Ruhe warm duschen. Anschließend erscheine ich sauber und etwas beruhigt an Deck. Dieter ist so hilfsbereit, mir irgendeine Salbe zu geben, die angeblich auch schon seinen Sohn nach Quetschung der ganzen Hand in der Autotür wunderbar geholfen hätte. „Ei, am nächsten Tag hatte der gaa nix mehr, gell“ sagt er in seinem unverwechselbaren Hessisch. Er zählt alle Verletzungen, die seine Familie schon erlitten habe, auf. Ich fühle mich mißachtet. Aber seine Salbe hilft wenigstens etwas. Jedenfalls hört mein Finger bei seiner doppelten Normalgröße auf, weiterzuschwellen. Die Schmerzen vergehen etwas. Ich beklage mich bei Ralf und Guido, dass ich nicht richtig beachtet werde. Darauf sagen sie "Oooch, Du Armes" und ähnliche Dinge und nehmen mich vollends auf den Arm. Dann müssen sie gerechterweise zur Strafe wieder arbeiten, denn der Hafenmeister hat beschlossen, unser Boot zu verlegen. Mit meinem Handicap kann ich ihnen ja leider kaum helfen. Aber das macht nichts, denn Ralf scheint Boote doch besser einparken zu können als Autos. Jedenfalls ist das Boot größer als die Parklücke, und nach dem Manöver liegt es wie eine Eins am Steg. Die Nachbarboote scheinen nichts abgekriegt zu haben. Das dänische Paar von dem fast antiken Holzboot rechts von uns scheint zufrieden zu sein. Zumindest, sehen sie nicht mehr so skeptisch aus wie vor dem Anlegemanöver.
Emil, Hüter unserer Bordkasse, und Dieter gehen Einkaufen. Als die Beiden mit zwei vollen Tüten zurückkommen, hat sich der Betrag der Kasse jedoch kaum verringert. Emil scheint wirklich der beste Mann für die Finanzen zu sein. Aber bekanntlich soll es dieses Talent bei Schwaben öfter geben.
Danach promenieren wir am Hafen entlang und suchen uns das unscheinbarste Restaurant zum Essen. Die Schickeria in München ist nichts gegen diesen Hafen. Calla Portals gehört zum bekannten Mallorca. Die unbekannten Teile mit den kleinen Häfen waren uns allerdings bedeutend lieber. Dafür liegen hier jede Menge ansehnlicher Schiffe.
Erst zurück auf dem Boot fällt Egbert auf, dass etwas mit meinem Finger nicht stimmt. Er dachte, dass ich das Cockpit verlassen hätte, weil mir die Manövriererei auf die Nerven gegangen wäre. Mittlerweile total über den Dingen stehend, antworte ich lässig, dass ich nur zum Kühlen runtergegangen bin und den Finger zwischen Winsch und Schot eingeklemmt hatte. Er ist bisher der Erste, der meine Verletzung wirklich ernst zu nehmen scheint. Sofort gibt er mir eine Salbe aus Blutegelextrakten, die die Schwellung zum Rückgang bringen soll. Ich spiele den Vorfall herunter, damit ich als richtiger Held dastehe. Trotzdem besteht er darauf, dass sich Jürgen, ein Arzt auf einem weiteren Flottillenboot, meinen Finger am nächsten Tag ansehen soll. Ich bin nun offiziell von allen anstrengenden Tätigkeiten wie Geschirrspülen und Kochen befreit. Jetzt weiß ich, was einen guten Skipper ausmacht: Er sorgt sich um seine Mannschaft. Im Gegensatz zu manchen anderen an Bord.
Ich lächele den Jungs beim morgendlichen Spülen zu und fühle mich als Abenteurer. Allerdings hoffe ich, dass die Schwellung bald zurückgeht. Ewig möchte ich mit diesem Teil nicht herumlaufen. Naja, bald werde ich ärztlich versorgt werden. Wir schippern gemütlich zu einer Bucht, in der bereits einige andere Flottillenboote geankert haben. Egbert hat bereits vorher über Funk das Gummiboottaxi bestellt. Tatsächlich kommt es bald, und ich werde zu Jürgens Boot chauffiert. Richtig besorgt sieht er sich meinen Finger an, und rät mir, ihn in Deutschland röntgen zu lassen. "Möglicherweise ist der Finger gebrochen, deshalb solltest Du ihn auf keinen Fall belasten." Er verbindet ihn zusammen mit dem Mittelfinger, damit mein verletzter Ringfinger eine Stütze hat. Das hat den Vorteil, dass ich nun anschaulich den Effe-Finger zeigen kann. Besonders denjenigen, die anfangs darüber gelästert haben, wie empfindlich ich wäre.
Als ich heroisch auf dem Sonnendeck liege und Kaffee serviert bekomme, steigt jemand von Heikes Leuten in den Bootsmannsstuhl. Das tun sie natürlich nur, damit sie nicht hinter uns zurückstehen müssen. Trotzdem war Guido von unserem Boot der Erste von der ganzen Flottille im Bootsmannsstuhl. Das können die Mädels gar nicht mehr aufholen.
Als wir weitersegeln, leuchtet Dieters Bauch richtig schön rot vor dem weißen Hintergrund. Aber er behauptet, dass er sich immer auf diese Weise "bräunt". Eigentlich müßte man von "röten" sprechen. Nicht mal Schuhe hat er an, als Manöver gefahren werden, was einen Anpfiff von Egbert nach sich zieht. Da ich nicht aktiv mitsegeln kann, beschäftige ich Egbert mit allgemeinen Fragen zum Segeln. Doch er weiß sogar, warum die Curry-Klemme Curry heißt. Angeblich gab es einen regattasegelnden Arzt Thomas Curry, der sich diese Befestigungsart ausgedacht hat, weil sie schneller und einfacher ist, als das ständige Belegen auf Klampen.
Beim Einlaufen in Palma fahren wir einen Schlenker zur Außenmole. Die dort liegenden Kriegsschiffe besitzen eine unglaubliche Anziehungskraft auf fast alle unserer Crewmitglieder. Da der Wind auch heute pünktlich aufhört, laufen wir mit der "Stahlfock". Dann nehmen wir noch eine französische Regattajolle in Schlepp, da die Armen sonst ewig rudern müßten. Dankbar leuchten ihre Gesichter, als Guido ihnen einen Tampen rüberwirft.
Die Törnroute
Die letzte Nacht in Palma
Im Hafen schrubben die Jungs das Deck so kräftig, dass Schrubberstiel und Besenborsten abbrechen. Ich nutze die Zeit ebenfalls gut und nehme eine angenehm warme Dusche. Als Guido mitbekommt, dass das Putzwasser oben warm ist, kommt er runtergeschossen und will duschen, bevor Emil und Dieter den vollständigen Inhalt des Warmwassertanks auf Deck, vergossen haben. Doch die Dusche ist von Ralf besetzt, der genauso darauf bedacht ist, unsere Warmwasservorräte sinnvoll zu nutzen. Trotzdem reicht es noch für Guido.
Wir gehen wieder in die nette Hafenkneipe, in der wir schon am ersten Abend gegessen hatten. Diesmal bestellen wir eine Fischplatte mit diversen Vorspeisen, was zur Folge hat, dass wir mit unseren vollen Bäuchen kaum mehr gehen können, als wir das Lokal verlassen. Den Verband nehme ich über Nacht ab, denn mein Finger schläft zu schnell damit ein. Ralf verbindet mich am nächsten Morgen wieder und packt außerdem alles wunderbar zusammen. Selbst die drei hübschen leeren blauen Sherry-Flaschen bekommt er noch sicher in die Seesäcke. Ich unterhalte mich mit Emil, der sich schon auf Zuhause freut. Es ist wohl doch ein Unterschied, ob man Leute auf dem Boot gut kennt oder alleine kommt. Auch Dieter freut sich auf seine Familie. Seine Frau will uns mit einem Fäßchen Bier vom Flughafen abholen, Ich könnte jetzt noch ein paar Wochen Urlaub dranhängen. Aber ich habe ja auch meinen Freund dabei. Wir gehen zum Yachtbüro, um das Boot abzugeben und jemand zu finden, der unser Gepäck bis zur Hafeneinfahrt fährt. Bei der Yachtgesellschaft erfahren wir, dass unsere Maschine erst später fliegt. Wir lassen unser Gepäck zum Büro bringen. Emil und Dieter gehen bummeln. Wir anderen spazieren am Hafen entlang und trinken Kaffee. Dann treffen wir uns am Yachtbüro und fahren mit zwei Taxen zum Flughafen. Dort erfahren wir, dass die anderen Flottillensegler noch länger als wir auf den Heimflug warten müssen. Ihre Maschine soll erst gegen acht Uhr abends starten. Wir bekommen wegen der Verspätung am Flughafen ein gegrilltes Hähnchen mit Kartoffeln von unserer Fluglinie. Seit diesem Vogel finde ich den Begriff "Broiler" passender. Dann stürmen wir die Duty-Free-Shops. Als wir das Angebot genügend erforscht haben, fläzen wir uns geduldig in die Sessel des Abflugwartebereichs und hören den Ansagen dieses internationalen Flughafens zu. Auf zwei Maschinen nach Erfurt, jeweils einer nach Dresden, Halle, Stuttgart, Bielefeld, Leipzig, Rostock und Bremen kommt eine nach England und ab und zu noch eine nach Paris. Jedenfalls ist der Flughafen nicht rein deutsch. Emil beschwert sich trotzdem, dass die deutschen Informationsdurchsagen nicht akzentfrei sind. Man könnte ja auch Deutsche einstellen. Als wir endlich in unserem Flieger sitzen, haben wir auch wie auf dem Hinflug zwei Sitzreihen nebeneinander. Diesmal gehen unsere Armlehnen ab, Egbert wandert ins Cockpit, wohl um zu schauen, ob es da auch so desolat aussieht. Als er zurückkommt, ist er besserer Laune. Ich hoffe, dass er als Airbuspilot diesen Flieger auch richtig einschätzen kann. Doch wir landen sicher in Köln, und tatsächlich wartet Dieters Frau mit Weißbier auf uns. Das sind die Tricks einer glücklichen Ehe, oder wie man/frau die Freude aufs Wiedersehen schürt. Auch Mareile findet kurze Zeit später den Weg zum Flughafen und wir kriegen Schokoladenkäfer als Willkommensgruß.
PS:
Am Ostersonntag, schaffe ich endlich den Weg zum Krankenhaus, und tatsächlich habe ich einen Kapselriß. Am folgenden Mittwoch kriege ich einen Gips, den ich noch drei Wochen tragen muss. Und fast alle haben das nicht geglaubt. Und ein Kompliment an Ralf. Alle blauen Flaschen haben die Rückreise überlebt. Und, das im Seesack!
