Von Mallorca nach Ibiza
Vorbereitungen
München, im Februar 98. Nachdem der letzte gemeinsame Segeltörn der ESG-Segelsportgemeinschaft schon drei Jahre zurücklag, dachte ich mir, dass es an der Zeit wäre, so etwas erneut zu organisieren. Die Idee stieß sogleich auf reges Interesse und es mehrten sich die Vorschläge für die potentiellen Segelreviere. Der Ostseetörn (mit der Option nach Bornholm) wurde wegen der langen Pkw-Anreise sogleich wieder verworfen. Außerdem sei es im Mittelmeer viel schöner (Diesem weit verbreiteten Irrglauben muss man entschieden begegnen. Am besten, in dem man nicht müde wird, Ost- und Nordseetörns anzubieten!). Ebenso schieden türkische und griechische Ägäis für einen einwöchigen Törn wegen des gemessen an den Gesamtkosten anteilig hohen Flugpreises aus. So verblieben nur noch der Segeltörn in der italienischen Adria und auf den Balearen. Nachdem ich die Organisation an mich gezogen hatte, wollte ich eigentlich die Revierentscheidung Adria oder Balearen der Crew überlassen - doch der Kreis, der an der Idee eines Törns mitwirkte, kam zeitlich nicht für eine gemeinsame Woche zusammen.
So lag es an mir, aufzugeben oder die Flucht nach vorn anzutreten. Ich entschied mich für die zweite Variante. Die Entscheidung für die Balearen hatte ich schnell gefällt, da ich bereits Mallorca umrundet hatte und von den Schönheiten dieser Insel wußte (Als Segler ist es zudem ein leichtes, die Touristenghettos zu meiden!). So informierte ich mich bei Vercharterern nach Schiffen, Stützpunkten und Preisen und konnte ein Schiff für vier Tage kostenfrei reservieren lassen. Es folgte die Ausschreibung in der Firma:
Mit einer elektronischen Anzeige zunächst nur in unserer (firmeninternen) Segelsportdatenbank und tags drauf am elektronischen Schwarzen Brett und als Sammelmail an alle Segelsportler (Hat das jemand als Spamming empfunden?) suchte ich Mitsegler für diesen Törn. Die Ausschreibung für den einwöchigen Segeltörn in 1998 lautete: "Wir fliegen von München nach Palma und übernehmen dort eine neue Bavaria 36 H. Der Salon bleibt frei, so daß das Schiff mit 6 Personen komfortablen Raum bietet. Gesucht werden aktuell 4 weitere Mitsegler. Sollten sich deutlich mehr als 6 Teilnehmer melden, werden wir versuchen, aus dem Törn eine Flottille zu organisieren. Abhängig von Wetter, Crew und Ausrüstung ist die Umrundung von Mallorca (~ 250 sm) oder ein Abstecher nach Ibiza (Nachtfahrt) geplant. Weitere Infos telefonisch." Danach folgten noch die technischen Daten des avisierten Törns:
- Revier: MALLORCA - Palma de Mallorca
- Zeit: 13.06.-20.06.1998
- Schiff: Bavaria 36 H (Baujahr 1998 !) [von Bavaria Yacht Charter]
- Kosten: ca. DM 1100,- (450,- Flug + 650,- Charter, ohne Bordkasse)
- Flug: München - Palma de Mallorca.
Bis Freitag, 13.02.98 mußte ich nun wissen, ob ich eine Crew finde. Es funktionierte. Das Interesse war vorhanden und am Freitag waren wir komplett - genau so viele Zusagen, wie Kojen zu vergeben waren. Für ein zweites Schiff hatte der Andrang allerdings nicht gereicht. Lediglich ein Interessent mußte enttäuscht werden, als am Montag noch eine zusätzliche Anmeldungen eintraf. Die Crew: Claudia Beiler, Ralf Groß, Jürgen von König, Karl Petrasek, Jürgen Weis und Skipper Guido Bolenski.
Nun folgte die Planung des Törns, die aber so reizlos ist, daß sie hier keine weitere Erwähnung finden soll. Nur soviel sei gesagt, daß man sich darauf einigte, einen Segeltörn zu wollen, der weder rein sportlich (also nur Segeln) noch urgemütlich (also nur baden) ist. Wenn es Schiff und Wetter zulassen, wollen wir nach Ibiza. Falls nicht, werden wir auch nicht wie ursprünglich geplant, Mallorca umrunden, sondern bleiben im südwestlichen Bereich der Insel, d.h. von Soller an der Nordwestküste bis ca. Porto Christo an der Südostküste mit Abstecher zur Insel Cabrera.
Endlich geht's los !
München - Flughafen Franz-Josef Strauß, 13.06.98 04:15 Uhr. Mit gepackten Sachen und noch schlaftrunken von der kurzen Nacht wurden wir teils per Taxi, teils per S-Bahn zum Flughafen befördert. Die Vorfreude auf den bevorstehenden Törn wurde durch die frühe Stunde nicht getrübt. Noch waren wir allerdings nicht komplett. Claudia hatte heute keinen Urlaub bekommen und mußte noch bis Mittags arbeiten. Sie konnte deshalb erst eine späte Maschine nach Mallorca nehmen und würde somit erst in den Abendstunden eintreffen. Wir konnten jedoch zügig einchecken und begaben uns anschließend abseits der wartenden (und grölenden) Mallorcatouristen in ein Nebenterminal und frühstückten erst einmal. Pünktlich um 06:00 Uhr hoben wir ab in den verregneten Münchner Morgenhimmel - und landeten zwei Stunden später im mediterranen Sonnenschein. Nachdem wir das Gepäck zurückerhielten (was bei AENA in Spanien allgemein, zumindest am Flughafen von Madrid heuer nicht selbstverständlich war) und noch Geld umtauschten (Ja, das war noch nötig, als es EURO noch nicht gab.), fuhren wir mit zwei Taxis zum Stützpunkt.
Die Aufteilung der Crew in jene, die den Proviant einkauften und jene, die das Schiff übernahmen, hatte sich als vorteilhaft erwiesen. Auf uns wartete die "Carícia del Vent". Die Wartezeit auf die Übernahme wurde so besser genutzt und bei der Übergabe selbst ging es schneller. Wir entschieden uns aufgrund der wenig Wind vorhersagenden Wetteraussichten für einen Blister als besonderes Extra - was dazu führte, daß bei dem nagelneuen Schiff erst noch ein zusätzliches Fall durch den Mast gezogen werden mußte. Also hieß es für Ralf, rein in den Bootsmannsstuhl und hinauf zum Masttopp. Zu guter Letzt folgte an Bord noch die obligatorische Sicherheitseinweisung und die Einweisung in das Schiff selbst. Um 15.00 Uhr hieß es endlich: Leinen los.
Der Wind hatte aufgebrist und wir hatten bei strahlendem Sonnenschein 4-5 Windstärken in der Bahia de Palma. Bei diesem phantastischen Segelwetter sollten die Bojenmanöver doch gleich doppelt so viel Spaß machen. Nach einer Stunde waren wir weit genug von der Hafeneinfahrt entfernt mitten in der Bucht und begannen mit den ebenfalls obligatorischen Boje-über-Bord- Manöver. Zuerst durften die Erfahreneren ran. Zum einen, um selbst herauszufinden, wie sich das Schiff verhält und zum zweiten, um den Nachfolgenden zu zeigen wie's geht (oder besser wie's gehen sollte). Es sollte wieder mal ein Lehrbeispiel werden, wie wichtig es ist, auch als erfahrener Segler dieses Manöver mit einem für ihn neuen Charterschiff durchzuführen. Nach ca. einer Stunde beendeten wir die Manöverei und nahmen Kurs auf Port Adriano. Schließlich mußten wir rechtzeitig dort sein, da unser sechstes Crewmitglied Claudia in zwei Stunden am Flughafen und vielleicht schon eine Stunde später am ausgemachten Treffpunkt im Hafen Port Adriano sein wird.
Port Adriano
Die Crew war endlich komplett. Das Schiff lag weithin sichtbar direkt unterhalb des Hafenmeisterbüros und wir konnten fast vom Schiff aus jedes Taxi einsehen. Als die Sonne blutrot unterging und die Felsküste Mallorcas entsprechend farbintensiv anstrahlte, nahmen wir am Strandabschnitt gleich neben der Marina noch ein Bad. Das Wasser war angenehm erfrischend und sollte laut Bordthermometer eine Wassertemperatur von 19°C haben. So erfrischt machten wir uns daran, einen ersten Teil unseren Proviants zu vernichten: Ralf machte sich die Kombüse untertan und zauberte Pute mit Bratkartoffeln, die mediterran gewürzt und mit einem guten Rotwein gereicht hervorragend schmeckte.
Die Wettervorhersage für Sonntag war sehr vielversprechend und so entschieden wir uns für Ibiza. Wir wollten sehr früh in Port Adriano ablegen. Einerseits, um nicht allzu spät in der Nacht anzukommen, andererseits aber auch, um vielleicht den Rest des Abends in Ibiza noch nutzen zu können. So kamen die Wecker zum Einsatz, die noch vor Tagesanbruch ihre unbarmherzige Funktion erfüllten. Wir hatten uns von vornherein in zwei Dreiergruppen aufgeteilt, da es nicht notwendig war, daß die komplette Crew so früh aus den Federn mußte. Das "Klarmachen zum Auslaufen" und das "Ablegen" ist auch mit weniger Personal durchführbar. Frühstücken wollten wir ohnehin auf See. Doch es kam alles anders.
Ausgerechnet jetzt mußte es passieren, daß beim Nachfüllen der Wassertanks Frischwasser in den Dieseltank gefüllt wurde. Es war dunkel und die frühe Morgenstunde trug mit der noch vorhandenen Restmüdigkeit dazu bei, daß der rote (!) Verschluß offensichtlich nicht sofort als Kraftstoffeinlaß erkannt wurde. Zu spät! Im Nachhinein konnten wir nicht genau feststellen, ob es viel war. An ein frühes Auslaufen nach Ibiza war jedenfalls nicht mehr zu denken. Statt dessen begann eine lehrreiche Einführung in die Motorkunde, insbesondere in die Treibstoffzufuhr und die Möglichkeiten zur Entwässerung derselben. Gegen 08:30 Uhr (wir hatten inzwischen alle reihum gefrühstückt, während gleichzeitig an der Maschine weitergearbeitet wurde) hatten wir es aus eigener Kraft geschafft. Das Wasser konnte erfolgreich aus dem Dieseltank gepumpt werden (Zum Glück war's doch nicht so viel.) und die Kraftstoffzuleitungen zur Maschine waren auch wieder trocken. Das Wasser-Diesel-Gemisch wurde noch umweltgerecht in der Marina entsorgt und wir konnten endlich den Segeltag beginnen.
Der Jockel sprang an und wir legten um 09:00 Uhr ab. Zur Sicherheit liefen wir ein längeres Stück als sonst üblich unter Maschine weiter, um sicherzugehen, daß wir uns wieder auf den Motor verlassen konnten und setzten anschließend die Segel - Groß und Blister. Die Genua wurde heute nicht gebraucht. Bei traumhaftem Segelwetter rauschten wir nun mit durchschnittlich 7 kn Ibiza entgegen. Bei nur knapp 11,5 m Länge eine beträchtliche Geschwindigkeit. Gegen Abend ließ die Windstärke dann doch noch spürbar nach.
Fast 70 sm legten wir heute auf Steuerbordbug zurück. Und womit wir nicht mehr gerechnet hatten: Wir machten nach nur 11 h Fahrzeit kurz nach 20.00 Uhr fest.
Ibiza - Stadt
Ibiza war (und ist) eine Stadt der Kontraste. Schon die Einfahrt in den Hafen dieser Stadt war etwas besonderes. Mit Blick auf die Altstadt und Festung atmete man geradezu Seefahrergeschichte und konnte sich vor dieser Kulisse sehr gut das ein oder andere mittelalterliche Segelschiff vorstellen. Blickte man dann auf die der Altstadt gegenüberliegenden Seite des Hafens, so fand man sich konfrontiert mit riesigen Frachtern und Kreuzfahrtschiffen, sowie einer Luxusmarina, hauptsächlich gefüllt mit wasserkaputtschneidenden Balzprothesen (Der Autor macht keinen Hehl daraus, daß es eine Abneigung gegen schnelle Motorboote gibt. Hatten wir auf diesem Törn doch wieder eine Begegnung mit solch einem Gefährt samt rücksichtslosem Fahrer, der ausprobieren mußte, wie schön doch so ein Mast wackelt, wenn man dicht an einer ankernden Yacht vorbeifährt.).
Für die Fahrtensegler verfügt die Stadt übrigens über drei (!) Marinas und zusätzlich über öffentliche Schwimmstege. Leider waren die Schwimmstege doch nicht so öffentlich, denn mittlerweile wurden diese Plätze ausschließlich privaten Dauerliegern überlassen. Bei den anderen Marinas hatte man dafür die Wahl zwischen besagter teurer Super-Marina namens Botafoch oder dem einfachem Club Nautico. Da letzterer wesentlich näher an der Altstadt liegt, entschieden wir uns für weniger Komfort (und auch für geringere Liegekosten). Dafür lagen wir ungünstig an der Außenmole und hatten den Schwell der an- und ablegenden Schiffahrt zu ertragen.
Sofort nach Anlegen, Klarschiff und Umziehen nahmen wir Ibiza bei Abend in Angriff und fanden uns in einem durchschnittlichen Restaurant in der Altstadt wieder, wo wir uns kulinarisch verwöhnen ließen. Ein Tip: Setzen Sie sich stets so hin, daß Sie einen Blick auf die Straße haben, wenngleich dieser kaum breiter ist, als ein kleiner Weg. Aber die Tatsache, daß in Ibiza reichlich schräge Typen rumlaufen, die Ihre sichtliche Freude daran haben, sich selbst zu inszenieren, führt dazu, daß die Altstadt ein einziger Laufsteg für skurrile Kleidung, Frisur und Aufmachung ist. Ein köstliches Vergnügen für den Betrachter und vorzüglicher Gesprächsstoff für eine Segelcrew an diesem Abend. Erst jetzt wurde offenbar, woher Ibiza seinen berühmten Ruf bezieht.
Nach dem Essen trennten wir uns und erkundeten die Stadt auf eigene Faust, bzw. zu zweit. Morgen wollten wir ohnehin einen Ruhetag einlegen und es gab noch viel zu entdecken. Nach einer kurzen Nacht und einem wunderschönen Frühstück bei Sonnenschein an Oberdeck mit Blick auf die Altstadt, gingen wir nochmals in kleinen Gruppen an Land. Jeder erkundete für sich diese herrliche Stadt und entdeckte beiläufig auch den Teil von Ibiza, wo eine Hotelburg neben der anderen steht - von uns aus gesehen hinter der Altstadt an einem langen Sandstrand unmittelbar in Verlängerung der Startbahn des Flughafens. Nun ja, wer auf Ibiza Partyurlaub macht, braucht vielleicht auch nicht mehr.
Wir verlegten uns am Nachmittag wieder zurück in Richtung Mallorca in das ca. 10 sm weiter östlich gelegene Städtchen Santa Eulalia. Den Liegeplatz an der Außenmole wollten wir keine zweite Nacht haben, und für den Rücksprung nach Mallorca ist die Strecke um jene 10 sm kürzer.
Santa Eulalia
Bevor wir die Marina ansteuerten, kam bei der Crew Badelust auf. Kein Problem, da wir noch reichlich Zeit hatten. Wir nutzten die Gelegenheit und übten Ankermanöver unter Segel in der Bucht östlich der Marina in Santa Eulalia. Bei etwas über 3 m Wassertiefe und gut haltendem Ankergrund sowie glasklarem Wasser tobten wir uns aus, bzw. sonnten uns noch etwas an Oberdeck. Den kurzen Weg in die Marina fuhren wir unter Maschine und waren überrascht über diese hervorragende Qualität. Neu, sauber, großzügig, komfortabel - und ein angemessener Preis. Entgegen der Empfehlung im Reiseführer (siehe Nachtrag) ist diese Marina stets ein Abstecher wert.
Mit tatkräftiger Unterstützung durch den Jungkoch Karl kreierte ich noch eine mediterrane Variation von Nudeln mit Hackfleisch und entließ den fußballbegeisterten Teil der Crew rechtzeitig zu Beginn der zweiten Halbzeit des Weltmeisterschaftsgruppenspiels GER - USA an Land. Kurz vor Abpfiff konnte ich allerdings auch nicht widerstehen und habe mich dann aufgemacht, die letzten 5 min des Spiel mitzuerleben. Natürlich in einer deutschen Bar bei einem gepflegten Warsteiner. Auf den Balearen ist es eher ein Problem, in Touristenregionen gepflegte spanische Restauration zu finden.
Puerto d'Andraitx
Die Rückfahrt nach Mallorca war leider weniger aufregend, wenngleich wir uns laut Wetterbericht auf 5-6 Windstärken eingestellt hatten. Statt dessen kamen magere 2 Windstärken zusammen, die später auch noch nachließen. Bei Windstille ließen wir die "Carícia del Vent" schließlich mitten zwischen Ibiza und Mallorca treiben und nahmen erst einmal ein ausgiebiges Bad. Den Rest der Strecke motorten wir in den für uns nächstgelegenen Hafen an der Nordwestküste, Puerto d'Andraitx oder auf mallorquin Porto d'Andraitx.
Die Einfahrt in diese 1 sm lange natürliche Bucht war wieder ein Erlebnis für sich. Ich kannte diesen Teil von einem früheren Törn und übernahm das Ruder, damit sich die Crew auf das Schauspiel konzentrieren konnte. Links eine häßliche Betonburg am Fuße der Einfahrt in die Bucht und eine große Ferienhausanlage am Hang. Rechts jedoch eine millionenschwere Finca neben der anderen. Am Ende der Bucht findet man dann rechts den Ort Puerto d'Andraitx und links die Marina Club de Vela. Wir fanden einen ruhigen Liegeplatz an der Außenmole (Hier ist so gut wir kein Schiffsverkehr, außer jener durch die Marina verursacht.) und begaben uns kurze Zeit später an Land zur Erkundung des Ortes, vorbei an einer deutschen Fernsehproduktionsbühne. Diese war übrigens für eine Talkshow Sabine Christiansens, wie sich nach Rückkehr in Deutschland herausstellte. Es ist schon fast bedrückend, wie sehr die Deutschen auf den Balearen präsent sind.
In Puerto d'Andraitx, welches selbst kaum Bettenkapazität aufweist, fanden wir erst nach etwas Wartezeit einen Tisch für sechs Personen, doch das Mahl an diesem Abend war außerordentlich gut. Diesen Hafen werde ich bei späteren Balearentörns stets in die engere Auswahl nehmen.
Cala Pi
Seit Rückkehr von Ibiza hatte der gemütliche Teil des einwöchigen Törns begonnen. Morgens ausschlafen und stets gut frühstücken. Wenngleich vorab grob die Richtung für den Tag vorgegeben war, entschieden wir erst nach Wind und Wetter, wie weit uns die Segel tragen. Bei wenig Wind oder Flaute wären wir in die Ankerbucht Cala Portals gefahren und hätten einen Badetag eingelegt; und es sah die ersten zwei Stunden auf See auch so aus, daß wir heute nicht weit kommen. Doch dann frischte es auf, wir setzten noch mal den Blister und sofort wurde als neues Ziel die Ankerbucht Cala Pi anvisiert, die wir dann nach einem gemütlichen Segeltag in den späten Nachmittagsstunden erreichten. Die Cala Pi ist der vertiefte Ausläufer eines Flusses, der in einer 90°-Kurve landeinwärts ein idealer Tagesankerplatz ist. Es ankerten nur zwei weitere Yachten, als wir in die Cala Pi einfuhren, an denen wir vorbei tiefer in die Bucht fuhren. Bei 2,5 m Wassertiefe legten wir uns vor Bug- und Heckanker, wie es in dieser schmalen Bucht erforderlich ist.
Sofort war das Dinghi zu Wasser und wir erlebten wieder einen schönen Badeaufenthalt.
Sa Rapita
Die restliche Strecke zu unserem heutigen Nachtlager legten wir schneller zurück, als ich es vermutete. Sa Rapita war mir in meinem letzten Mallorcatörn insbesondere wegen des guten spanischen Restaurants "Ca'n Pep" an der Landstraße bekannt, welches ein Stück weit außerhalb der Marina liegt (während die Marina selbst eher abtörnen ist). Mit etwas Spannung machten wir uns auf den Weg zum Restaurant und fanden es tatsächlich wieder. Hier genossen wir das beste spanische Essen des Törns. Nachteilig jedoch, daß der Komfort, insbesondere die Sanitäranlagen der Marina Sa Rapita derart verkommen waren und der Preis zudem recht hoch war, so daß ich diesen Hafen kein weiteres Mal anlaufen werde - außer, der Wunsch zu einem weiteren Besuch des "Ca'n Pep" ist größer.
Am vorletzten Tag des Törn wollten wir abends wieder in der Bahia de Palma sein - was wir so am Tag unter Segeln zurücklegen, sollte der Wind bestimmen. Leider bestimmte dieser, daß es nicht sehr viel wurde. Unter Blister und Groß machten wir schließlich nur eine Fahrt von 2-3 kn. Bei der Fahrt könnte man sich doch auch ziehen lassen. Gesagt, getan, und schon wurde ein Festmacher achtern steuerbord belegt und 30 m achteraus gegeben. Am Ende ein doppelter Palstek sorgte für den nötigen Halt und das Wasservergnügen konnte losgehen. Sobald jemand sich an dem Festmacher festhielt, ging die Fahrt um ca. 1 kn zurück und man konnte locker das Schiff schwimmend überholen. Der Spaß war dennoch groß.
Als wir nach einiger Zeit endlich in der Bahia de Palma ankamen, entschlossen wir uns, wieder zu ankern, bevor wir in den nächsten Hafen gehen. Bei dem geringen Wind fuhren in Richtung Playa de Palma, also den berühmt berüchtigten Strand der Teutonen zwischen El Arenal und Palma de Mallorca. Nachdem wir auf 3,5 m Wassertiefe ankerten, nahmen wir das Fernglas zur Hand und stellten fest, daß wir auf den Punkt unmittelbar ...
... bei Balneario 6 vor Anker ...
... gegangen waren. Der Strand war gar nicht so überfüllt, wie wir es uns vorgestellt hatten und das Wasser war angenehm erfrischend und ebenfalls glasklar. Lediglich diese Ansammlung von Menschen vor einer Getränkebude wirkte befremdlich. Da ich Informationen über den "Ballermann 6" nur aus vermutlich meinungsgetrübten Medienberichten kannte, entschloß ich mich für einen Landfall. Ralf kam mit und wir machten uns auf, die geschätzte Viertelmeile an Land zu schwimmen. Dort angekommen mußte ich zugeben, daß die Medienberichte über besoffene, schlagersingende und grölende Touristen, die Sangria mit Strohhalmen aus Eimern trinken, nicht übertrieben waren. Wenn die Spanier Bestrebungen entwickeln, diese Auswüchse einzudämmen, kann ich sie gut verstehen. Als Hoteltourist an der Playa de Palma kann man dem Treiben allerdings auch sehr leicht aus dem Wege gehen. Man braucht nur wenige Meter weiter gehen, z.B. zum Balneario 5 oder 7 und findet dort eine normale Eisbude vor, sowie davor einen ebenso normalen Mittelmeerstrand. Wir schwammen wieder zurück und verholten uns nach
El Arenal
Dieser Hafen kommt in der Reiseliteratur ebenfalls zu unrecht schlecht weg. Wir konnten jedenfalls keinen Mangel feststellen und hatten eine derart qualitativ gute Marina in El Arenal nicht erwartet.
Nachdem wir landfein waren, zogen wir schließlich noch die Promenade entlang. Schließlich war es unser vorletzter Abend, und wir begaben uns mit einer Mischung aus Entdeckungs- und Abenteuerlust in Richtung Bierstraße.
Am Balneario 6 war schon der Zenit überschritten (offenbar säuft man hier nur bei Tageslicht), und unsere Neugier konzentrierte sich nun auf die Suche nach einem guten Restaurant. Doch das sollte sich als schwieriger erweisen, als wir dachten. Offenbar waren wir doch nicht die richtige Zielgruppe für diese Lokale hier, denn keiner von uns hatte große Lust auf Erbsensuppe, Wiener Schnitzel oder andere deutsche Hausmannskost (obwohl wir schon seit sechs Tagen ohne deutsche Küche auskamen. Sind wir denn noch normal?). Erst nach einiger Zeit fanden wir ein Restaurant, das auch spanische Gerichte führte, wenngleich es immer noch einen Eindruck machte, der ausgereicht hätte, dieses Lokal anderenorts zu meiden. Das Essen war aber schließlich doch in Ordnung und wir begaben uns weiter auf Entdeckungsreise. Ebenso wie das Treiben am Balneario 6 war die Bierstraße für uns touristisches Neuland, was uns nicht davon abhielt, auch hier in ein Lokal einzukehren. Von Einkehren kann man allerdings nicht sprechen, man stellte sich eher an einen der freien Tische bestellte gleich ein Dutzend Biere und kippte diese dann (ggf. wieder schlagersingend) nacheinander weg. Es war eine Zeit recht unterhaltsam und wir hatten sogar unseren Spaß, den ein oder anderen Song mitzuträllern - aber die rechte Stimmung kam dennoch nicht auf. Wir hatten gesehen, was wir sehen wollten und kehrten heim.
Zurück in Palma de Mallorca
Am letzten Tag fand seglerisch nicht mehr viel statt. Das Schiff mußte bis 18.00 Uhr am Stützpunkt sein, und da wir uns selbst keine Hektik auferlegen wollten, nahmen wir ein Eintreffen am Zielhafen von 15-16 Uhr ins Visier. Aus purer Lust am Manöver fuhren wir noch Bojenmanöver oder ließen uns wieder durchs Wasser ziehen. Mit Festmachen gegen 15.30 Uhr war der Segeltörn dann beendet.
Wir checkten schnell und unproblematisch aus und hatten den Rest des Tages für einen Landgang in Palma zur Verfügung, den wir für eine Besichtigung der Kathedrale und der Altstadt ausgiebig nutzten.
Am Samstag ging es dann wiederum sehr früh zum Flughafen und wir verließen nach einer traumhaften Segelwoche dieses herrliche Revier. Aber eins ist gewiß: Auf die Balearen werde ich noch oft zurückkehren.
Informationen zum Törn (Mallorca-Revierinformationen aus der Zeitschrift ⊳ Yacht, Stand der Informationen: 1998)
Das Segelrevier:
Die Balearen im westlichen Mittelmeer mit den Hauptinseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera können, von Wetterstörungen einmal abgesehen, fast ganzjährig besegelt werden. Als Charterrevier stehen sie in der Gunst der Kunden derzeit hoch im Kurs, was dem allgemeinen Mallorca-Trend entspricht. Schon in einer Woche ist viel machbar: lange Schläge zwischen den Inseln, eine Umrundung Mallorcas oder auch nur ein Törn entlang der Ostküste - je nach Laune. Bei der Überfahrt nach Ibiza entfernt man sich weiter als 25 Meilen von der nächsten Küste. Eine Rettungsinsel an Bord ist dann vorgeschrieben. Vor geplanten Törns zum Festland mit dem Vercharterer unbedingt klären, ob Versicherungsschutz besteht.
Hafenprojekte:
Um neue Liegeplätze wird auf Mallorca schwer gerungen. Wie zuletzt in der YACHT berichtet, wurde der Ausbau von S'Estanyol zu den Akten gelegt, gegen Erweiterungen in Puerto Portals und Cala Ratjada hat sich Widerstand formiert. In Sóller hingegen dürfen in diesem Jahr endlich Teile der Militärbasis von Wassersportlern benutzt werden.
Wind, Wetter und Vorhersagen:
Die Balearen werden vom Azorenhochkeil beeinflußt, ein Garant für überwiegend gutes, im Hochsommer heißes Wetter, das vor allem in den großen Buchten für thermische Effekte sorgt. Starkwind kommt in den meisten Fällen aus dem vierten oder dem ersten Quadranten (Mistral). Das Wetter von morgen erfährt man in der Marina beim Hafenmeister anhand des morgendlichen Aushangs. Der ist zwar nur auf spanisch abgefaßt, aber zu verstehen. Die Vorhersagen werden detailliert für einzelne Seegebiete der Balearen gegeben, waren aber nicht immer zutreffend. Aussagekräftig ist die Satellitenkarte der 21-Uhr- Fernsehnachrichten (laufen in fast allen Bars). Für die großräumige Wetterlage: Deutsche Welle, 6075 und 9545 kHz, Mo-Sa 1555 Uhr UTC, So 1755 Uhr. Seewetterberichte in deutscher Sprache verbreitet das Inselradio um 18 Uhr und 18.30 Uhr auf 95.8 FM im Rahmen des täglichen Wassersportmagazins, allerdings viel zu schnell, um mitschreiben zu können. Die Qualität des Empfangs schwankt je nach Küstenabschnitt. Die Vorhersagen werden vom Seewetteramt Hamburg erstellt.
Seekarten:
Spanische Seekarten SP 6 (Menorca) und SP 421-427 (Mallorca).
Mobiltelefon:
Handy-Besitzer haben zwei Netze (Airtel, Moviestar), an der Nordwestküste lückenhaft. Im Bereich der Bahia de Palma, auf dem Weg nach Ibiza und daselbst stets guter Empfang.
Mietwagen:
Überall zu bekommen. Kleinwagen kosten inkl. Versicherung unter 50 Mark pro Tag.
Taxi:
Am Flughafen stehen stets ausreichend Taxis zur Verfügung. Großraumtaxis für eine 5-köpfige Crew sucht man allerdings vergebends - wir mußten zwei Taxen nehmen. Der Preis ist vor der Fahrt auszuhandeln.
Geld (Umtausch ist seit Einführung des EURO nun nicht mehr erforderlich):
Überall und jederzeit, mit Visa, Eurocard oder einfach mit der EC-Karte am Bankautomaten. Häufig ist die Gebühr für's Geldabheben am Automaten so hoch, dass man besser genügend Bargeld von daheim mitbringt.
Charteryacht, Charterunternehmen:
Wir segelten den Törn mit einer Bavaria 36 Holiday, Baujahr 1998, von Yates Alemanes. Das Unternehmen wird von deutschen Inhabern geführt, die seit 1986 Generalimporteur von Bavaria-Yachten in Spanien sind und die Vercharterung im Club de Mar von Palma betreiben. Wenn man früh genug an der Marina ist (am besten als erster) oder lange genug warten kann, dann bekommt man tatsächlich vom Stützpunkt ein Fahrzeug für den Einkauf von Lebensmittel kostenlos gestellt. Der Supermarkt ist aber nicht sehr weit entfernt, und ggf. kann man den Proviant selbst tragen. Buchung in Deutschland z. B. über BAVARIA-YACHTCHARTER, Wolnzach Tel. (08442) 2570 oder direkt über 0034 971-401883 Fax -401901 (Empfehlenswert zur Information über YATES ALEMANES ist deren Internethomepage unter ⊳ http://www.bavaria-yachten.com/).
Das Schiff:
Die Bavaria 36 Holiday ist eine 98er Neukonstruktion der Bavaria Yachtbau GmbH, Giebelstadt. Das Schiff war so neu, daß es zum Zeitpunkt der Törnplanung noch in keinem Charterkatalog abgedruckt war. Allerdings konnte man es auf der Reisemesse CBR in München am Stand besichtigen. Die Ausstattung war für eine Charteryacht außergewöhnlich gut. Hier gebührt Yates Alemanes als Vercharterer vor Ort höchstes Lob.