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(12.09.06)

Rostock-Rønne und zurück

Von Kai Kulp

Anlässlich der Schulung zum Sportküstenschifferschein (SKS) in der ⊳ ESG-Segelsportgemeinschaft entstand die Idee eines gemeinsamen Segeltörns. Guido Bolenski, Ausbilder in der ESG-SSG und Hobbyskipper, übernahm die Organisation zum Einwochentörn ab Rostock. Die Anreise erfolgte in zwei Gruppen. 5 Bahnfahrer (Guido Bolenski, Co-Skipper Ralf Groß, Ingo Eickmann, Florian Peterhansl und Kai Kulp) stiegen in München um 6.58 Uhr in den Zug und erreichten Rostock um 16.00 Uhr. Gabriele "Gaby" Düßmann, Hartmut Düßmann und Bernd Wiegmann fuhren, obwohl mit Reiseproviant beladen einen heißen Reifen, um pünktlich um 17.00 Uhr mit dem ersten Bier an Bord anstoßen zu können. Es folgte eine schnelle Schiffsübergabe.

Unser Schiff, eine DUFOUR 43 namens SARAFINA, ist wie alle Schiffe weiblich. Sie ist jung und schön, und wie sich bald herausstellte, auch unvollkommen. Es fehlten einerseits Barometer und einige zum Teil wesentliche nautische Unterlagen für ein Teil des geplanten Fahrtgebietes und andererseits waren wichtige Teile defekt oder den Vorschriften entsprechend nicht angebracht. So verdeckte der Buganker das Steuerbord-Seitenlicht und die Nationale verdeckte das Hecklicht. Von defekten Navigationshilfsmitteln wie Logge oder Kompassbeleuchtung ganz zu schweigen. Mit dem Vercharterer würden wir noch ein Hühnchen zu rupfen haben. [Anm.: Die wesentlichen Mängel musste der Vercharterer nach einem kurzen Briefwechsel schließlich zugeben und versprach Besserung. Die "Lessons Learned" aus dieser Aktion: Man achte bei der Schiffsübernahme noch penetranter auf die Funktionsfähigkeit und Vollständigkeit der Systeme, sowie die Vollständigkeit der nautischen Literatur für das Fahrtgebiet. Leider zeigt sich die eingeschränkte Funktionsfähigkeit einiger Systeme erst im Einsatz auf See.] Das Bordleben ließ sich gleich gut an. Mit einer Pasta de la Barca oder Nudeln zum angewöhnen. Beim Umtrunk an Deck wurden wir durch Leuchtkugeln und Sterne in Weiß überrascht, kleines Feuerwerk bestimmt extra für uns. Wir waren die VIP´s schon am ersten Abend. Blieb noch die 6-7-8 Routine festzulegen und das erste Auslaufen für 8.00 Uhr mit Ziel Bornholm zu beschließen. Schließlich fehlten uns für den beabsichtigten Besuch der ⊳ Kieler Woche u.a. auch die Seekarten.

Beim Auslaufen am ersten Morgen galt es, Poseidon freundlich zu stimmen und seine Gunst für unsere Seefahrt zu erbitten. Wir hofften, mit Portwein den göttlichen Geschmack zu treffen und so bekam die See den ersten kräftigen Schluck. Klar, dass wir mit anstoßen mussten. Überhaupt gehört zur christlichen Seefahrt das geistliche Getränk, das wusste auch die Besatzung der SARAFINA.

Es war ein stolzer Augenblick als unser Schiff bei gutem Wetter und einem Süd-Westwind der Stärke 3-4 den Hafen verließ. Erste Manöver und Maschine und Segel inkl. des obligatorischen MOB-Manövers folgten. Heute war nichts mit Musik oder Rock Pop, sondern Sprechfunkkanal 16 war angesagt. Eine waffenscheinpflichtige Stimme krächzte aus dem Gerät: "KAARU-BA KAAAARU-BA ..." (1) - Man konnte glauben, ein sprechender Papagei hat den Sendeknopf entdeckt. Die bissigen Kommentare anderer Fahrzeuge blieben nicht aus. Doch es kam noch besser: "PEGASUS" (1) trat in Aktion: "All Ships, all ships, all ships, this is PEGASUS, Position bla bla heading soandso degrees is keeping sharp lookout." - und das im Abstand von jeweils 5 min. Es dauerte auch hier nicht lange, bis entsprechende Kommentare kamen. Highlight des Funkverkehrs war jedoch Bremen-Rescue mit einem Schiffunfall in der Kieler Förde. Wir hingegen kamen gut voran.

(1) Namen geändert zwecks Einhaltung des Fernmeldegeheimnisses.

Die SARAFINA hatte guten Wind und die Crew schlemmte dank Bernds Eier-Spezialrezept beim zweiten Abendessen im Salon. Der etwas rauere Seegang in der Nacht trieb uns trotz Wacheinteilung an Deck und ließ uns eine Ahnung von Mittsommernacht erleben. Es sollte sich noch rächen, dass auch die für den zweiten Teil der Nacht eingeteilte Wache aufbleiben wollte, anstatt rechtzeitig zu schlafen. Für Romantik blieb aber keine Zeit, wir brauchten stets ein wachsames Auge für den Schiffsverkehr. Im Verlaufe der Nacht sorgten ein Trawler sowie einige Marineverbände dafür, dass wir uns nicht alleine fühlten mit Wind und Wellen. Über die Ankunft in Bornholm weiß der Autor nichts zu berichten. Er bat ausdrücklich darum, eine halbe Stunde vor Einlaufen geweckt zu werden, um die Ankunft mitzuerleben. Diesbezügliche mehrfache Versuche blieben jedoch erfolglos. So wartet er noch heute auf das Wecken - und "eine halbe Stunde vorher" wurde zum geflügelten Wort auf dem Törn.

Nach 23 h Fahrt auf Bornholm

Zum Mittagessen gab es frischen Fisch. Wir fragten einen im Hafen liegenden dänischen Fischer nach frischem Fisch und zwei Stunden später hatten wir fangfrischen Dorsch, freundlicherweise sogar schon filetiert. Ich ahnte, Poseidon wird Rache nehmen, denn er gibt seine Früchte ungern her. Zunächst gab es aber Sonnenschein, Landgang und Baden im Hafen. Gaby, sonst Kassenwart, erwies sich als Wrack- und Tauchunternehmen. Sie lockte auch Hartmut in die eisigen Fluten und beide befreiten die Welle eines nebenan liegenden Motorbootes von Tampen. Die Bordkasse freute sich über DM 50,-. Wir dankten auch für eine Flasche Sekt sowie einen Six-Pack Heineken. Der gesellige Abend war gesichert.

Mittwoch morgen war Auslaufen in Richtung der dänischen Faxebucht angesagt. Allein Segeln hat etwas mit Wind zu tun, und dieser schlief nachmittags ein. Anfänglich besagt der Wetterbericht keine Besonderheiten, doch am späten Nachmittag sagte er dann für die Nacht Sturm, Schauerböen und Gewitter voraus. Meine vage Vorahnung bestätigte sich. Entweder Poseidon steht nicht auf Portwein oder nicht auf Fischessern. Wenn die Vorhersage zutreffen sollte, dann wäre ein Anlaufen eines Hafens auf Hiddensee die beste Lösung. Tatsache ist, wir fuhren unter Motor in Richtung Hiddensee weiter. Unterwegs machten wir ein großes U-Boot aus - Steuer-bord voraus. Später wurden wir vom Bundesgrenzschutz neugierig beäugt und durch Blaulicht zu stoppen aufgefordert. Man erklärte uns per Funk doch bitte den nächsten Zollhafen Rostock anzulaufen. Wir erwiderten, dass wir von unser Weg zurück in deutsche Gewässer durch das bevorstehende Schlechtwetter bestimmt sei und versprachen, am nächsten Morgen in einen Zollgrenzhafen einzulaufen.

Schwere See bei Nacht auf der Ostsee

Später, als absehbar war, dass es besser wäre, das Gewitter (sofern es einsetzen würde), auf See abzuwettern, beschlossen wir jedoch in der Libben-Bucht - ohne Zoll - vor Anker zu gehen. Gegen 23.00 warfen wir den Anker. Um 24.00 tobte dann das angekündigte Gewitter über Sasznitz, um 1.05 - pünktlich zum Wetterbericht - wütete Poseidon, dass heißt das Gewitter brach los. Die Wanten pfiffen ein wildes Lied, Skipper und Co. machten Anker auf, die SARAFINA vollführte einen schaukelnden und stampfenden Tanz und ließ sich dann widerwillig Richtung offene See führen. Leider blieb auch die Schiffsglocke nicht an Ihrem Platz. Bernds Kopf hat diese Begegnung sicher in schlechter Erinnerung. Das Gewitter war schnell überstanden und es verblieb ein ordentlicher Wind von 6+ Bf.

Nach zwei Stunden von der Crew teilweise als "übel" bezeichnete Sturmfahrt belohnte uns ein herrlicher Sonnenaufgang vor Møn für die Strapazen der Nacht. Die SARAFINA lief unter Motor Richtung Klintholm - zurück Richtung Dänemark. Nach der Ankunft verwöhnten wir uns mit Sauna und Schwimmbad, welches in den dortigen Liegeplatzgebühren enthalten ist und gönnten uns einen Tag Landgang und Erholung. Es war seit Samstag schließlich erst der zweite Hafen, den die Crew gesehen hat. Freitag machten wir Leinen los mit Kurs auf Gedser. Auf Amwind-Kurs kränkte unser Boot, so dass die wiederaufgehängte Glocke ganz unchristlich Lärm schlug. Vielleicht hatten wir auch einen Klabautermann an Bord. Wir erreichten Gedser Lystbådehavn am späten Nachmittag.

Die SARAFINA in Klyntholm als Botschafter der ESG-Segelsportgruppe

Der Hafen war ein bisschen klein für unsere stolze SARAFINA - aber irgendwie haben wir doch noch angelegt; längsseits in der Nähe der Tankpier, da die Boxen für uns zu schmal waren. In Gedser beeindruckte uns ein riesengroßes Sonnenwendfeuer - Feuer und Wasser satt. Leider war es schon unser vorletzter Abend.

Am nächsten Tag hieß es Leinen los zur letzten Etappe zurück nach Rostock. Gabi, die "Schumi" unter den Seefahrern, schaffte sagenhafte 11 Knoten Fahrt gemäß (defekter, weil zu viel anzeigender) Logge und manövrierte uns zurück zum Vercharterer. Der Törn klang aus bei einem gemeinsamen Abendessen im Steakhaus und einem zufällig stattfindenden Feuerwerk zum Abschied. Womit der Kreis zur Ankunft geschlossen wäre. Hinter uns lagen 397 Seemeilen, eine Woche Crewgefühl, eine Zusatzausbildung zum Sanitärinstallateur, sowie herrlich schöne Segelstunden.

Und wenn es wieder losgehen soll - weckt den Autor "eine halbe Stunde vorher".

Kai

Der Törn fand auch firmenintern zu Aufmerksamkeit - in Form eines kleinen Beitrages in der "ESG intern".

ESG zeigt Flagge

Zeitraum:

18. bis 25. Juni 2000

Segelrevier:

Ausgangshafen Rostock-Langenort. Von dort sind Törns in die Dänische Südsee ebenso möglich wie Touren gen Osten (in Richtung Rügen) oder gen Westen (Kiel). Da unser Törn während der Kieler Woche stattfand, wollten wir die Gelegenheit nutzen und das Seglerereignis schlechthin besuchen. Auf die Gefahr, dass wir "als achtes Boot im Päckchen liegen". Mangels Seekarten für dieses Gebiet mussten wir unseren Fahrplan ändern.

Wind, Wetter und Vorhersagen:

Sicherlich nicht so warm wie im Mittelmeer. Aber wir wollten Segeln und nicht Baden. Für die Ostsee ist daher der Juni der ideale Monat. Nichtsdestotrotz war unsere Woche ungewöhnlich kühl. Gewitter kann man übrigens nirgends, auch nicht im Mittelmeer ausschließen.

Seekarten:

D 30, D 36 oder Seekarten von Sportbootkarten-Verlagen

Mobiltelefon:

Besitzer von Mobiltelefonen haben im Bereich unseres Segelrevier hinreichend Netzabdeckung, auch unterwegs nach Bornholm.

Charteryacht, Charterunternehmen:

Dufour 43, Baujahr 1999; von Dr. Hoyme Yachtcharter